Interview

Sind Heilige die besseren Vampire?

04/kultred-afg

Vault of St Peter - Majodh (www.piqs.de)Aufgrund der Langlebigkeit ihrer Bewohner ist die Historie der Schattenwelt vielfach noch enger mit ihrer Gegenwart verwoben, als dies bei der Normwelt der Fall ist. Während dort die Kontinuität einer Entwicklung eine chronologische Ordnung erzwingt, sind die wesentliche Brücke zwischen den Epochen der Schattenwelt, ihre Protagonisten.

Die damit verbundenen Schwierigkeiten und Chancen wurden uns zuletzt sehr eindrucksvoll aus der Sicht der Schatten von den Zeitgenossen erläutert. Unsere Kulturredakteurin Antonia Günder-Freytag hat zuletzt in ihrer Untersuchung von Schattenverbindungen zu traditionellen Kirchenheiligen für Furore gesorgt.

In Anbetracht des Fragensturms aus dem Leserkreis hat der SW-R für seine engagierte Journalistin ein Treffen mit einem Experten arrangiert, der uns die eingangs gestellte Frage dezidiert beantworten kann.

Hier ist Antonias Bericht:

Angeregt durch Fragen der Leserschaft und der Vampirwelt wendete mich an Pater Andrea Comitti, dem pensionierten Archivar des Vatikans. Nach einem altmodischen Briefwechsel, der sich über Monate hinzog, hatte ich seine Zusage, auch wenn ich das Gefühl nicht loswurde, dass Comitti nicht allzu glücklich über meine Hartnäckigkeit war.

Ich war zutiefst erschrocken, als ich zu dem verabredeten Termin auf Syrakus, Comittis Altersruhesitz, nicht nur den Archivar antraf, sondern auch Argyle Mc Quiet. Genau dem mächtigen Argyle Mc Quiet, der in der Vampirwelt mit Ehrfurcht und Furcht Der Schotte genannt wird.

Comitti, so erschien es mir, hatte sich mit der Situation heute über den Vampirismus befragt zu werden, abgefunden und begrüßte mich recht herzlich. Leider konnte ich das von Argyle Mc Quiet nicht behaupten. Er blieb während der Begrüßung schweigend im Hintergrund. Doch seine Präsenz war greifbar und seine Düsternis vermochte den Raum in Dunkelheit zu tauchen. Wir waren in Comittis Wohnzimmer, ich konnte die Meerbrandung hören, auch wenn das Meer selbst in der Dunkelheit nicht zu sehen war. Nachdem Comitti und ich uns gesetzt hatten – Argyle bevorzugte zu stehen – und ich das Tonbandgerät mit zittrigen Fingern angeschaltet hatte, kramte ich aus meinen Hirnwindungen die Fragen hervor, die sich dort ängstlich verkrochen hatten.

SW-R: „Pater Comitti, Sie sind, wenn ich das so sagen darf, zu einem Experten des Vampirismus geworden. Wie geht es Ihnen mit Ihrem Wissen?“

Comitti: „Was soll ich sagen? Es hat seine Zeit gedauert, zu akzeptieren, dass es Vampire gibt. Das Gott zugelassen hat, dass auch diese Spezies einen Platz auf seiner wunderbaren Welt einnimmt. Doch nach dieser Zeit des Mit-sich-Ringens, habe ich begriffen, dass Gott noch größer ist als ich dachte.“

SW-R:„Sie sind also nicht von Ihrem Glauben abgefallen?“

Comitti: „Nein. Ganz im Gegenteil.“

SW-R: „Meinen Recherchen zufolge, hatten Sie regen Kontakt mit Vampiren. Nun würde unsere Leser interessieren, ob Sie die Auffassung teilen, dass Heilige die besseren Vampire sind?“

Eigentlich hatte ich ab dem Moment, als ich Argyle Mc Quiet gesehen hatte, gehofft, dass er sich in das Interview einmischt und doch fuhr ich zusammen, als sich nun Argyle mit einem Knurren bemerkbar macht. Es war nicht das Knurren eines Tieres, es war das Grollen eines Mannes, dem die gestellte Frage sichtlich gegen den Strich ging. So war ich nicht weiter erstaunt, als sich Argyle aus dem Schatten löste und an den Tisch trat. Er war von erlesener Eleganz, die sich nicht nur durch seine Kleidung ausdrückte, sondern auch in seiner Art der Bewegung.

Argyle: „Was verstehen Sie unter besseren Vampiren? Dass sie sich besser tarnen können? Besser durch ihr elendes Dasein streifen, immer auf der Suche nach ihrem nächsten Opfer? Oder verstehen Sie unter besseren Vampiren, dass sie so lange lügen und heucheln, bis sie unter obskuren Umständen ums Leben kommen und sogar von der verblendeten Kirche in den Heiligenstand gerufen werden?“

Ich war durch den Zorn, der mir entgegenschlug für einen Moment so aus dem Konzept gebracht, dass ich es Comitti nicht übel nahm, als er an meiner Stelle antwortete.

Während ich den beiden Herren bei der Verteidigung ihres jeweiligen Standpunktes lauschte, überkam mich das Gefühl, dass diese Unterhaltung nicht das erste Mal geführt wurde.

Comitti: „Argyle, das hatten wir doch schon hinlänglich! Deine Tochter und ihr Ziehbruder wurden ohne ihr Zutun in den Heiligenstand erhoben. Sogar ohne ihr Wissen, soweit es Apollonia betrifft.“

Argyle: „Wenn man mich fragt, ob Heilige die besseren Vampire sind, bleibe ich dabei: Es sind die besseren Heuchler. Ihre angebliche Zurückhaltung, was die Nahrungsbeschaffung anbelangt, hat nichts mit dem Töten zu tun, sondern einer Abneigung gegen Menschen. Ihre angeblich mildtätige Art, nur mit der Angst entlarvt zu werden. Und ihr Märtyrertod hatte nur einen Grund: Sie waren es leid zu leben und zu feige, sich selbst das Leben zu nehmen!“

Es schien mir an der Zeit, mich doch wieder aktiv ins Gespräch einzubringen.

SW-R: „Herr McQuiet, wenn ich Sie richtig verstanden habe, halten Sie Ihre Tochter nicht für heilig. Was ist mit Laurentius? Er ist für seinen Gott gestorben. Wenn ich dem Heiligenlexikon glauben darf, hat er sogar noch mit seinen Henkersknechten gescherzt.“

Argyle: „Sie dürfen alles glauben, was Sie lesen. Auch was sie nicht lesen. Nur nehmen Sie es mir nicht übel, da ich nun schon fast fünfhundert Jahre auf diesem wunderbaren Planeten wandle, dass ich an fast nichts mehr glaube.“

SW-R: „Dann sind Sie von Gott abgefallen?“

Argyle: „Allerdings. Ich glaube nur noch an mich und mein Schwert.“

SW-R: „Das sie im Kampf gegen die Vampire einsetzten? Ich dachte, Sie würden für Gott kämpfen.“

Argyle: „Ich kämpfe für ein Gleichgewicht in der Natur. In der heutigen Welt, im Zeitalter der Vernetzung ist es viel wichtiger auf das Gleichgewicht zu achten, als es noch vor ein paar Jahrhunderten war. Sehen Sie, zu Apollonias und meinen Zeiten, als Michael noch sein Unwesen trieb, dauerte es Jahre, bis man genug Vampire zusammengerottet hatte, um ein Dorf zu überfallen. Heute dauert es nur noch einen Mausklick. Früher hat man unschuldige Menschen zu Vampiren gemacht, die sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden konnten und entweder den Freitod suchten, oder eben für Gott starben. Heute kann man unter den Bewerbern, die aus dieser verseuchten Welt ohne Perspektive flüchten wollen, wählen! Ahnen Sie, was eigentlich los ist? Wie viele neue Vampire jeden Tag entstehen? Ich kämpfe schon lange nicht mehr für Gott, von dem ich annehme, dass er uns den Rücken gekehrt hat. Ich kämpfe für die Menschheit.“

SW-R: „Also sind Heilige nicht die besseren Vampire?“

Argyle: „Sicherlich nicht!“

SW-R: „Gibt es noch mehr von ihnen?“

Comitti: „Also ich muss schon sehr bitten! Das ist eine infame Unterstellung.“

Argyle: „Lass sie doch, Andrea. Sie hat ein helles Köpfchen. Sehr interessante Gedankengänge. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber es gab noch mehr, ja. Und zu Ihrer nicht ausgesprochenen, aber gedachten Frage: Ja, ich halte Fürst Perondo für einen der Vampire, die aus dem Untergrund heraus diese Vampirflut zu verantworten haben. Und ja, ich werde ihm das Handwerk legen. Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Leider konnte ich nach dieser Andeutung nichts mehr aus Argyle Mc Quiet herausbekommen. Statt meine Fragen zu beantworten, schaltete er mein Tonbandgerät ab und stand auf. Dieses Verhalten kam einem Rauswurf gleich.

An der Tür, zu der mich Pater Comitti formvollendet führte, raunte ich ihm meine letzte Frage zu.

SW-R: „Ist es denn sicher, dass Fürst Perondo noch lebt? Laut den Aufzeichnungen der heiligen Apollonia hatte er sich im Kampf gegen das Böse geopfert.“

Comitti: „Eine mildtätige Lüge aus falschverstandener Liebe …“

Dann schloss sich die Tür hinter mir mit Nachdruck.

Ich schlug mir vor den Kopf. Wie hatte ich so dumm sein können, anzunehmen, dass Heilige nicht lügen?
Dieses Interview ergänzt Antonias Enthüllungsbuch „Vatikan – Die Hüter der Reliquie“ erschienen im bookshouse–Verlag (März 2014)

Antonia Günder-Freytaghttp://www.bookshouse.de/buecher/Vatikan___Die_Hueter_der_Reliquie/

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