Science

Im Goldfischglas im Trüben fischen

Bildseitung - adminenbild

04/red-ba

Zensur trägt stets den bitteren Beigeschmack der Bestätigung.

Wir durften den Beitrag unseres Gastautors Paci Cooper über die verborgenen Vorgänge beim IT-Giganten Astoria leider nicht veröffentlichen. Schon der Versuch, den Artikel im Schattenwelt-Report online zu stellen, provozierte einen kompletten Server-Ausfall und ließ ein Dutzend Anwälte von Astoria vor unserer Haustür aufmarschieren.

Entsprechend groß war die Überraschung, als wir einen Tag später zwei First Class-Flugtickets nach Toronto, Astorias Firmensitz, zum Selbstausdrucken auf unserer Festplatte fanden. Ins Büro war nicht eingebrochen worden, die Firewall meldete keinen Eindringling in unser Netz. Seltsam. Aber gut: einem geschenkten Gaul … und so begaben sich Kay und Redaktionsassistentin Nelly auf die Reise.

Luxus soll milde stimmen

Am Flughafen in Toronto holt uns ein Chauffeur mit Limousine ab und fährt uns ins Shangri La Hotel. Es ist fußläufig zum Astoria Firmensitz gelegen und eine echte Oase, in der wir uns von dem mehrstündigen Flug erholen. Massagen wurden auch schon für uns gebucht … Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass wir hier sehr weich gekocht werden sollen, bevor wir Rufus Dean begegnen. Nelly lächelt. Der wird sich wundern, wie gekonnt das Team vom Schattenwelt-Report Genuss mit investigativen Journalismus verknüpfen kann.

Zwei Schattenwelse im Goldfischglas

Unser Gesprächstermin ist am nächsten Morgen um neun. Um viertel vor neun stehen wir mit in den Nacken gelegten Köpfen vor der Adresse, die wir mit unseren Briefing-Unterlagen erhalten haben. Ein Blick auf das Astoria-Gebäude und wir wissen, warum die Torontonians es “das Goldfischglas” getauft haben. Auf einem alten Haus, das einen ganzen Straßenblock umfasst, sitzt ein bauchiger Wolkenkratzer, komplett aus Glas. Schemenhaft sieht man drinnen Menschen herumwuseln. Orangenes und goldenes Licht zuckt in unregelmäßigen Abständen über die Glasfassade, wie aufgescheuchte Fische. Wie zwei Schattenwelse tauchen wir ein in diese Welt.

Bis wir uns in die Vorstandsetage vorgearbeitet haben, liegen mehrere Sicherheitschecks hinter uns. Wir tragen jetzt beide gut sichtbare Gäste-IDs, komplett mit Foto. Was die Norms nicht sehen können, ist die Rune, die uns als Angehörige der Para-Welt ausweist, damit sich uns alle Türen öffnen. Das hoffen wir zumindest.

Im Konferenzraum stehen Cupcakes in den Farben der kanadischen Flagge bereit, schrecklich süßes Zeug. Eine etwas nervöse Assistentin fragt uns, ob wir Kaffee oder Tee möchten und welche Sorte. Fünf Minuten später stehen dampfende Becher mit dem Astoria-Logo, grüne ineinander verschlungene Ranken, mit den gewünschten Getränken vor uns. Während wir an unseren Bechern nippen, sehen wir uns um. Die Wände sind weiß, der Boden aus schönem Massivholz. Große Schränke, ebenfalls weiß, füllen eine Wand. Wo ist die Werbung? Wo die Computer, auf die man bei Astoria so stolz ist?

Rufus kommt kurz darauf hereingestürzt. Es ist seltsam, ihn in Fleisch und Blut zu sehen. Schließlich werden seine Auftritte auf Astorias jährlicher Computermesse sogar im deutschen Fernsehen übertragen. Er sieht live tatsächlich genauso attraktiv aus, allerdings so verstrubbelt, als wäre er gerade aus dem Bett gefallen. Nein, wohl doch eher: als wäre er gerade in Kalifornien vom Surfboard gefallen. Verstrubbelte, fast schulterlange blonde Haare, gebräuntes Gesicht, einen Hauch von blondem Bartschatten, dazu Jeans und Turnschuhe. Über seiner muskulösen Brust spannt sich ein Sport-T-Shirt mit den Worten “Dream Suffer Succeed”.

Kay räuspert sich.

SW-R: “Guten Morgen.” (Wir führen das Gespräch auf englisch, aber übersetzen es für euch.)

Rufus Dean lächelt freundlich. “Guten Morgen, Kay. Guten Morgen, Nelly. Einen Moment.”

Er tippt auf ein schlankes Tablet, das er um den Arm geschnallt trägt wie ein Armband. Es sieht aus wie ein Ino, aber die kann man ja nicht rollen …

Rufus: “Bringen Sie bitte jetzt die Modellauswahl rein. Danke.” Er setzt sich auf den Stuhl uns gegenüber. “Schießen Sie los.”

SW-R: “Wir hätten da ein paar Fragen zu Paci Cooper.”

Rufus winkt ab. “Dann ist dieses Gespräch beendet.”

Wir starren uns alle drei trotzig über den Tisch an.

Rufus lächelt und seine Augen glitzern. “Ich erwarte nicht, dass Sie aufgeben, aber heute sind Sie hier, um mit mir über Computer zu sprechen.”

Die Tür öffnet sich aufs Stichwort. Herein kommt die Assistentin von vorhin mit einem großen Tablett. Auf grauem Samt ruhen die neuesten Modelle aus dem Haus Astoria, eins schöner als das andere.

Mit einem Seufzen holt Kay die vorbereiteten Fragen aus der Tasche. Genau wie bei Cassandra, der Vampir-Königin, hatten wir vorab unsere Fragen einreichen müssen und eine arg zensierte Fassung von der Astoria PR zurückerhalten.

SW-R: “Wenn ein Para einen Computer kauft –“

Rufus unterbricht Kay. “Lassen Sie es mich gleich in einem Rutsch erklären, das spart Zeit.” Er hebt die Geräte aus dem Samt und breitet sie aus dem Tisch aus, dabei nennt er jedes beim Namen. Die Namen kennen wir genauso gut wie unsere Leser, man hat das Gefühl, in jedem Haushalt gibt es mindestens ein Astoria-Gerät, auch in der Normwelt.

Rufus: “Wie wichtig Astoria-Premium-Modell für paranormale Wesen sind, kann ich Ihnen an einem Beispiel erläutern. Eine unserer Mitarbeiterinnen, Alanna Atwood, hat bei uns als Spiele-Designerin gearbeitet. Eine Norm. Sie war eine Vollblut-Gamerin, hat tagsüber Spiele entwickelt und nachts gespielt. 24/7. Dann ist ihre Magie erwacht — und alle Technik um sie herum ist verreckt.

SW-R: “Wieso ‘war’ sie eine Gamerin? Was ist passiert?”

Rufus’ Gesicht zieht sich kurz vor Missfallen zusammen. “Ms. Atwood arbeitet nicht mehr für uns. Also: einfache Mechanismen wie ein Wecker oder ein Toaster funktionieren bei Magie-Einwirkung nicht mehr. Komplexere Gebilde wie ein Smartphone oder ein Notebook funktionieren vielleicht noch, aber haben seltsame Aussetzer. Das fängt bei einer dauernd verstellten Uhrzeit an und hört bei sich selbst zerfressenden Festplatten und durchbrennenden Schaltkreisen auf.”

Nelly nickt und macht sich eine Notiz. Hierauf sollte man künftig im Zusammenhang mit Karrieretipps im SW-R hinweisen.

SW-R: “Aber wie –“

Rufus lässt uns wieder nicht ausreden. In einem Gespräch mit Rufus Dean kommen andere offenbar höchst selten zu Wort.

Rufus: “Astoria Computer werden speziell für magie-begabte Wesen entwickelt und sind magie-resistent. Gleichzeitig hochgradig magie-rezeptiv.”

SW-R: “Wie meinen Sie das, magie-rezeptiv? Widerspricht sich das nicht mit –“

Rufus: “Bevor wir ein Gerät auf den Markt bringen, wo es von einem Para oder Norm gekauft werden kann, ist es mehrere Jahre inhouse von Magiern verwendet und optimiert worden. Sie können sicher sein, dass Ihnen im Gegensatz zur asiatischen Konkurrenz ein Premium-Astoria Tablet nicht abstürzt, nur weil Sie in seiner Gegenwart Ihre tote Großmutter beschwören.”

SW-R: “Äh, also das –“

Rufus Dean macht eine wegwerfende Handbewegung. “Was auch immer Sie mit Magie tun, Elektronik reagiert darauf. Jeder Para kennt das: immer genau im falschen Moment hat das Smartphone plötzlich keinen Saft mehr oder Apps hängen sich auf. Das ist kein Fertigungs- oder Programmierfehler – das ist die Reaktion der Geräte auf das paranormale Wesen.”

SW-R: “Und dieser Unterschied soll zig tausende Euro wert sein? Wäre Aether da nicht eine noch dazu magiekompatible Alternative?”

Rufus Dean lächelt verführerisch. “Das ist ja nicht der einzige Unterschied. Zum einen ist die Hardware auch magie-verstärkt. Sie können mit einem Auto über eins unserer Tablets fahren, und das Glas geht nicht kaputt. Viel wichtiger: Unsere Geräte sind, unter bestimmten Parametern, magie-rezeptiv.” Er deutet auf das Armband-Tablet. “Ich verrate Ihnen einen kleinen Trick beim Ino. Nur für Ihre Leser. Er darf nicht in die Normwelt weitergetragen werden! Aktivieren Sie Ihre Kräfte und drücken Sie vier Minuten lang alle Fingerspitzen auf das Astoria-Logo. Wenn Sie das Tablet neu booten, haben Sie neben Tasten- und Sprachsteuerung jetzt auch die Magiesteuerung freigeschaltet. Sie können Texte vor sich in die Luft projezieren, schreiben, ohne Tasten zu berühren.” Sein Lächeln wird breiter. “Und viele andere schöne Dinge, die Sie einfach mal ausprobieren können. Wir sind uns sicher, das ist 2000 Euro für ein Tablet wert.”

 Technik, die mit Magie funktioniert?

Der Rest des Gesprächs mit Rufus Dean erschöpft sich in den Parametern eines jeden Gadgets, die unsere Leser auch auf der Astoria-Internetseite nachlesen können. Wir waren auch so damit beschäftigt, jeden Computer auf Herz und Nieren zu prüfen, dass wir Rufus Dean nicht mehr richtig zuhörten.

Den entsprechenden Bericht hierzu gibt es in einer der nächsten Ausgaben des SW-R.

Statement des Schattenwelt-Reports

Natürlich interessiert uns auch weiterhin, was hier genau hinter den Kulissen passiert und womit sich unser Gastreporter Paci so in die Nesseln gesetzt hat.

Anderson Brida - Hedge GamesEine vielversprechende Quelle bietet Brida Anderson, deren Buch “Hedge Games” sich mit dem Schicksal der Spiele-Designerin Alanna befasst, die bei Astoria zur Para erwacht. Dass dabei sexy Elfen ihre Finger im Spiel haben sollen, klingt schon mal vielversprechend.

Bisher auf englisch erhältlich. Die deutsche Fassung Hecken-Spiele ist in Vorbereitung.

Hier  könnt ihr euch auf die Mailingliste eintragen lassen, um es gleich zu erfahren, wenn Hecken-Spiele erhältlich ist.

Band 2, “Poison Patch”, erscheint am 1.12.2015

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