Gastkolumne

Ad memoriam – aus den Archiven des SW-R

03/red-mm

Das nachfolgende Interview fand vor 30 Jahren statt. Unsere Reporterin Michio ist einige Wochen, nachdem sie diesen Bericht zu Papier brachte, verschwunden. Zum Jahrestag ihres Verschwindens hat sich der Schattenwelt – Report entschlossen, heute und in den folgenden Ausgaben Auszüge aus Michios Notizen zu veröffentlichen:

SITdown - district 27 (www.piqs.de)Wir saßen auf einer Parkbank unter einer uralten Kastanie. Es war eine kühle Vollmondnacht Mitte Januar. Ich hatte in einer Thermoskanne heißen Apfelsaft mitgebracht und wärmte mir an einer dampfenden Tasse die Finger. Victor war in einen schwarzen Ledermantel gehüllt und trug dünne Lederhandschuhe. Seinen Cowboyhut hatte er auf die Bank gelegt. Ich wusste, dass es ein gewisses Risiko darstellte, mich in dieser verlassenen Gegend mit einem Vampir zu treffen, doch wer beim Schattenwelt-Report arbeiten wollte, durfte kein Hasenfuß sein. Außerdem hatte nicht er dieses Treffen vorgeschlagen, sondern ich.

Nach der Begrüßung und ein wenig seichtem Geplänkel, um miteinander warm zu werden, bat er mich überraschend, mir die Augen verbinden zu dürfen. Unser Thema für dieses Gespräch waren die Sinnesorgane, die bei Vampiren naturgemäß stärker ausgeprägt sind. Er versprach mir, dass ich mich ohne den alles dominierenden Sehsinn besser in seine Welt einzufühlen vermöge. Ein wenig überrumpelt erklärte ich mich einverstanden. Er nahm mir meinen Becher ab, stellte ihn neben mich und band mir anschließend ein weiches Tuch um. „Und nun sag mir, was du wahrnimmst?“

Der Pulsschlag der Nacht

Zuallererst fiel mir auf, wie eifersüchtig sich mein Gehörsinn in den Vordergrund drängte und das sagte ich ihm. Victor saß an meiner linken Seite. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Unter der Bank hörte ich ein kleines Tier im Laub rascheln. Die Geräusche der Stadt waren weit weg und gedämpft. Dann stellte ich meine erste Frage: „Welches ist für dich der wichtigste Sinn?“

„Der Geruchssinn.“

„Weshalb?“

„Nun, weil sich Menschen dadurch manipulieren lassen. Das finde ich spannend.“

„Spannend aus Vampirsicht, – wie komme ich möglichst komplikationslos an meine Nahrung, oder ist es ein wissenschaftliches Interesse? Es geht vermutlich darum, dass Gerüche und Emotionen eng miteinander verknüpft sind?“

„Gut erkannt.“ Er lachte leise. Dieses Lachen war wie eine reizvolle Mischung aus sanftem Streicheln und einem kräftigen Klaps auf den Po. Ich hatte es schon bei unseren Vorgesprächen am Telefon gehört. Da hatte ich ihn ebenfalls nicht gesehen, jetzt und hier allerdings, mit verbundenen Augen, allein im Herzen des Parks, war es etwas anderes. Ich spürte, wie ich rot wurde. Von allen paranormalen Wesen faszinierten die Vampire mich am meisten, aber davon durfte ich mir nicht meine Professionalität rauben lassen. „Fangen wir mit der wissenschaftlichen Seite an.“

„Wie du willst, meine liebe Michio.“

Er hatte meinen Namen auf Anhieb richtig ausgesprochen, mit einem weichen K in der Mitte und das gefiel mir.

„Der Mensch besitzt 350 Rezeptoren für Gerüche, die Maus etwa 1000. Die Gene für diese überzähligen Rezeptoren sind im menschlichen Genom nach wie vor vorhanden, wurden im Laufe der Evolution jedoch stillgelegt. Bei der Verwandlung zum Vampir kehrt sich dieser Vorgang um.“

„Dann kann ein Vampir Dinge riechen, von denen wir Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt?“

„Genau. Ein Geruch entsteht, indem eine unterschiedliche Anzahl von Rezeptoren gereizt wird, woraus sich schließlich ein Muster bildet. Je mehr Rezeptoren zur Verfügung stehen, desto mehr Muster können gebildet werden.“

Ich nickte. Langsam gewöhnte ich mich daran, dass ich hier mit verbundenen Augen saß. Meine Sinne schärften sich. Ich erkannte nun, dass unter der Parkbank zwei Tierchen ihren Geschäften nachgingen statt einem. Ich nahm den Modergeruch des feuchten Laubs wahr und ab und zu drang ein Hauch Zimt in meine Nase, von der Tasse, die Victor neben mir abgestellt hatte. „Wir haben ja bereits bei einem unserer Telefonate das Thema gestreift, dass Vampire keinen Eigengeruch besitzen. Empfindest du das als Vor- oder Nachteil?“

Aus der Sicht des Jägers

„Hm.“ Er dachte einen Moment nach. „Aus Sicht des Jägers, der ich ja auch bin, ist es weder das eine noch das andere. Ist man bestimmten Geruchsmolekülen für längere Zeit ausgesetzt, spricht man von einer Adaption, – das heißt, das Bewusstsein registriert diesen Geruch nicht mehr. Das geht uns Vampiren ebenso wie den Menschen und damit wäre der eigene Geruch nichts, was uns behindern würde.“

„Du hast mir erzählt, dass Vampire eine Schwäche für Parfüms und Räucherwerk haben.“

„Das ist wahr und es hängt mit zwei Dingen zusammen. Nach der Verwandlung dauert es, bis man entdeckt, dass man den Eigengeruch verloren hat, denn sämtliche Sinne werden von Reizen überflutet, dann ist es jedoch ein heftiger Schock. Sich mit einem vertrauten Geruch zu umgeben, ist für viele von uns hilfreich. Außerdem würde es euch Menschen irritieren, wenn ihr uns nicht riechen könntet.“ Er atmete genüsslich ein. „Du duftest zum Beispiel fantastisch.“ Er hörte sich beinahe verträumt an. „Ja wirklich, das habe ich so noch nie erlebt.“

„Danke.“ Ich benutze aus Prinzip kein Parfüm, doch ich wusste, dass ich gut roch. Das hatte etwas mit meiner Ernährung zutun. Darüber konnte man nämlich, wie mir meine Mutter beigebracht hatte, seien Eigengeruch positiv beeinflussen. Ich schnupperte vorsichtig in seine Richtung, konnte allerdings nicht sagen, wonach er roch, nur, dass es etwas war, das ich mochte. Ich lächelte und spürte, wie dabei die Augenbinde von den Backen ein wenig hochgeschoben wurde. „Sprechen wir als Nächstes darüber, was du vorhin sagest. Man kann also Menschen durch Gerüche manipulieren?“

„Das stimmt.“

Ich hatte nichts gehört und konnte es natürlich noch weniger sehen, doch ich wusste insgeheim, dass er näher an mich herangerutscht war, auch wenn wir uns nicht berührten.

Seine Stimme wurde auf einmal ein wenig heiser. „Dass wir Düfte mit Erinnerungen und bestimmten Emotionen verbinden, ist kein Geheimnis. Die Nase hat sozusagen eine Standleitung zum Gehirn, oder, um einen anderen Vergleich zu bemühen: Wird der richtige Geruch eingesetzt, funktioniert er wie ein Schlüssel zum Vertrauen eines Menschen. Du erinnerst dich an unser Fragespiel am Telefon?“

Ein Schlüssel zum Vertrauen

Ich runzelte die Stirn und nickte. Wir hatten uns gegenseitig die Lieblingsdüfte unserer Kindheit genannt. Ich schlucke. „Manipulierst du mich? Tust du es jetzt, in diesem Augenblick?“

„Ja.“

„Wie?“

„Weißt du noch, wie ich dir riet, bei unserem Treffen, gegen die Kälte etwas Heißes zum Trinken mitzunehmen?“

SWR III ZimtapfelStimmt, das hatte er mir geraten. Ich tastete nach meiner Tasse, führte sie zum Mund und nippte an dem mittlerweile abgekühlten Saft. Ich hatte haufenweise Zimt hinein gegeben, wie es früher meine Mutter getan hatte, und seine Schärfe brannte auf meiner Zunge. Stärker brannte jedoch die Scham in mir, weil ich mich von einem Vampir hatte hereinlegen lassen. Ich ahnte mittlerweile nämlich, worauf Victor hinaus wollte: Bei einem unserer Gespräche hatte ich ihm erzählt, wie wenig Zeit meine Mutter für uns Kinder gehabt hatte. Wir waren acht Geschwister gewesen und sie für sich allein zu haben, war ein seltenes Geschenk. Mit jedem Kind hatte sie jedoch ein besonders Ritual verbunden. Bei meinem Ritual spielte heißer Apfelsaft mit Zimt eine Rolle, was Victor sich offenbar gemerkt hatte. Sobald der nahegelegene See zum ersten Mal zugefroren war, hängten Mutter und ich uns am Abend, nach ihrer Arbeit, die Schlittschuhe über die Schultern und gingen los. Zu dieser Uhrzeit waren die anderen Läufer längst nicht mehr auf dem See. Unser Atem stieg als weiße Wölkchen in die Luft und meine Mutter nannte mich ihre kleine Lokomotive. Wir liefen Rude um Runde und hielten uns dabei an den Händen. Ehe wir uns auf den Heimweg machten, packte sie den mitgebrachten Proviant aus, und die Thermoskanne mit dem Zimtapfelsaft. Es war die schönste Erinnerung aus meiner Kindheit und der nächtliche Park erinnerte mich tatsächlich an die eisige Stille auf dem See. Ich keine Angst vor der Nacht, denn ich verband damit etwas Schönes. Die eiskalten Finger um den heißen Becher und der Duft nach Zimt hatten ihr Übriges getan.

Keiner sprach. Ich löste die Augenbinde, obwohl mir klar war, dass es mir nicht viel helfen würde. An Flucht war nicht zu denken. Verdammt, er war ein Vampir, ich würde nicht einmal den Hintern von der Bank hochbekommen, ehe er mir die Zähne in den Hals schlug!

Der Schattenwelt-Report bedankt sich bei Elke Aybar für ihre Recherchen und die sachkundige Überarbeitung von Michios Bericht. Wer mehr von Elkes Beobachtungen aus der Welt der Vampire erfahren möchte, sollte sich ihre Berichte nicht entgehen lassen:

SWR III Elke Aybar - Geheimnisse Elke Aybar – „Geheimnisse von Blut und Liebe Band I: Dunkle GeheimnisseSWR III Elke Aybar - Machtsteine„.
Elke Aybar – „Geheimnisse von Blut und Liebe Band II: Machtsteine“ erschienen am 01. März 2015.
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