Ratgeber

Über den Umgang mit Hausdrachen

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Auf dem Rückweg aus dem Rheinland, wo Redaktionsassistentin Nelly mit Praktikant Timo eine modebewusste Werwölfin zu Styling-Tipps für unsere Leser interviewt hat, erhalten sie auf dem Rückweg den überraschenden Auftrag noch einen gewissen Friedrich Falkenberg zu besuchen.

Hier ist ihr Bericht:

Schauplatz: ein militärischer Stützpunkt außerhalb Baden-Badens. Draußen warten einige Luftschiffe der badischen Kriegsflotte auf ihren Einsatz. Drinnen in der Halle wartet ein großgewachsener blonder Soldat in enganliegender schwarzer Lederkleidung auf die Reporterin. Der maßgeschneiderte Anzug zeigt seine äußerst männlichen Proportionen, die jeden Leistungsschwimmer neidisch gemacht hätten. Breite Schultern, schmale Hüften, lange Arme mit große Händen. Während Nelly sich eingesteht, wie überaus gut ihr der Anblick gefällt, scheint Timos zu sein.

„Es freut mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, hierher zu kommen“, sagt Friedrich Falkenberg und ergreift Nellys Hand. Nelly ist plötzlich froh , dass sie sich angeregt durch die Stylingtipps von Samia Aziz in Schale geworfen hat. Dann küsst er ihr die Hand formvollendet und sieht ihr eine Sekunde zu lange in die Augen. Timo beobachtet das aufmerksam, sagt aber nichts. Nelly ist das sehr recht. Die Augen des Soldaten sind blau wie ein Sommerhimmel … oder nicht? Es schien für einen Moment, als ob silberne Schlieren darin erschienen wären. Aber es ist wohl nur eine optische Täuschung. „Sie sind also der Oberstleutnant Friedrich Falkenberg?“ fragt Nelly bemüht um die erforderliche Professionalität.  „Zur Zeit eingesetzt bei der Exekutiveinheit des Amtes für Aetherangelegenheiten?“, vergewissert Nelly sich, bevor sie sich in diesen Augen verliert.

Der Soldat lächelt. „Ja, der bin ich. Ertappt.“ Sein Lächeln ist lausbübisch, aber auch ein wenig künstlich. Das ist ein Profi was das Bezirzen von Frauen angeht, bemerkt Nelly nicht zuletzt dank Timos kritischen Schnaubens, aber es fehlt etwas …

„Sie müssen sich umziehen“, sagt Falkenberg.

„Wie bitte?“, fragt Nelly irritiert. Sie hat sich doch extra hübsch gemacht!

„So können Sie nicht mitfliegen.“

„Wohin?“

„Zu Eisenschwinge. Meinem … Drachen. Wegen uns sind sie doch hier. Hat die Redaktion Sie nicht informiert? Ein Interview mit mir allein wäre etwas einseitig. Man muss ihn aber sehen, um ihn zu verstehen. Um uns zu verstehen.“

„Und warum kommt er nicht hierher?“

„Das führt jedesmal zu großen Schwierigkeiten. Eisenschwinge ist nicht nur riesig, sondern er hat auch eine seltsame Eigenschaft: er zieht Eisen aus seiner Umgebung ab. Ich tue das auch, aber lange nicht so, wie er.“

„Was tut er mit dem Eisen?“

„Wir sind Dual“, sagt Falkenberg und holt aus einem Schrank weitere Lederkleidung. „Wir sind nicht nur zwei Seiten der gleichen Medaille, sondern auch eine Mischung aus Fleisch und Metall. In diesem Fall: Eisen.“

Timo nickt, Das hat der Kerl wohl gerochen. Auch Nelly mustert den Mann. Ja, er ist sehr muskulös, aber aus Eisen? Das scheint lächerlich. Er legt die Lederkleidung auf einen Tisch und lacht. Wieder war es seltsam freudlos.

„Meine linke Hand wurde mir in einem Kampf mit Maschinenwesen abgetrennt. Meine Schwägerin schaffte es, sie zu ersetzen. Sie ist aus Metall, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht.“ Er zog seinen Handschuh aus und zeigte die Faust. Sie sah völlig normal aus. Dann griff er nach einer Blechtasse und zerknüllte sie, wie andere ein Blatt Papier.

„Die arme Tasse“, staunt Nelly beeindruckt. Timo rümpft die Nase.

„Nun, was ich sagen wollte, war: seit ich diese Hand habe, sind in mir kleine, winzigste Maschinchen, die diese Hand steuern, aber auch den Rest von mir verändert haben. Und als Eisenschwinge geschaffen wurde, hat er diese Veränderung mit übernommen. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie sich die Ledersachen an, und ich zeige es Ihnen.“ Er wendet sich an Timo. „Ich habe leider nur Platz für einen Passagier. Aber wir sind bald zurück.“

Nelly gehorcht und als sie in den an manchen Stellen definitiv zu engen Overall geschlüpft waren (ein Schuhlöffel wäre hilfreich gewesen), entlockt Nellys Anblick Falkenberg ein begeistertes Pfeifen. „Sie sehen umwerfend aus“, sagt er zu ihrer größten Freude und bietet ihr altmodisch seinen Arm. Gemeinsam gehen sie zu einer Messingkonstruktion. Notgedrungen bleibt Timo zurück.

„Das hier ist ein Nachtmahr. Also ein Gleiter. Wie Sie sehen, ist er nur für zwei Personen ausgelegt. Keine Sorge: ich kann damit umgehen, und er ist aus Messing, damit er nicht zerbröselt, während wir unterwegs sind.“

Nelly nickt etwas ungewiss. Was hat ihr die Redaktion da wieder eingebrockt? Dafür machen aber nun alle Haken und Ösen an ihrem Overall Sinn. Sie bekommt noch eine Schutzbrille und sitzt sicher eingespannt in einem Metallkorb.

Friedrich Falkenberg klinkt sich hinter ihr ein und trägt die gesamte Konstruktion mühelos aus dem Hangar. Dann legt er ein paar Schalter um. Es summt an dem Gestänge entlang, dann leuchtet der Æther grün in seinem Feld auf. Der Nachtmahr bekommt schillernde Flügel wie eine Libelle und mit ein paar Schritten Anlauf katapultiert der Soldat sie in den Himmel.

Sie fliegen etwa eine halbe Stunde über den Schwarzwald. Höher und höher. Dann erreichen sie einen leuchtend grünen Berg. Kein Baum wächst darauf, die Oberfläche ist völlig glatt und fast leer, bis auf etwas großes unförmiges auf dem Gipfel.

Sie kreisen einmal drumherum und Nelly erkannt die Form: tatsächlich ein Drache. Ein schwarzsilbernes Ungeheuer. Je näher sie kommen, umso klarer wird: er ist riesig. Gigantisch. Und hässlich. Er liegt ausgebreitet auf der grünen Substanz und regt sich auch nicht, als sie landen.

„Das ist Eisenschwinge“, sagt Falkenberg überflüssigerweise. Während er Nelly ausklinkt, erklärt er weiter: „Er ist kein eigenständiges Wesen, kein Tier, keine magische Entität, nein, er ist ich. Wir sind in einem mir selbst nicht bekannten Vorgang entstanden.“

„Ich verstehe das nicht“, sagt Nelly. „Wie können der Drache und Sie das Gleiche sein? Oder das Selbe?“

„Wir sind zwei Seiten einer Medaille. Das ist die beste Erklärung. Ohne mich gäbe es ihn nicht und umgekehrt. Und das ist das Geheimnis der Drachen. Und der Drachentöter.“

Friedrich geht zu dem riesigen Schädel, der schlafend auf dem Berg ruht, der scheinbar, wie sie jetzt von Nahem sehen, aus Glas besteht. Ein Auge des Drachen öffnet sich und er atmet hörbar ein und aus. Timo riecht etwas, was an eine Maschine erinnert, verdampfendes Öl, heißes Metall und Ozon.

„Wir wurden während der Wandlung geteilt: ich bin die Ratio, er die Gefühle, das Unterbewusste, die Emotionen.“

Jetzt wird Nelly einiges klar. Das war es, was auch Timo die ganze Zeit gestört hat. Friedrich Falkenberg ist unter seiner Aufreißer-Masche eigentlich kalt. Es fehlt genau das, was scheinbar diesem Drachen gegeben worden ist. Aber da ist keine Zeit, länger darüber nachzudenken: Der Drache richtet sich plötzlich auf und brüllt. Er streckt seine Flügel aus. Ein Ansturm auf die Sinne. Als ob eine Lokomotive über einen fährt oder 100 Automobile gleichzeitig starten.

Es ist furchterregend und schrecklich. Und doch bleibt Friedrich Falkenberg ungerührt stehen. Nelly kann  nun gut erkennen, dass sich durch das schwarze Fleisch und die glänzenden Schuppen tatsächlich silbernes Metall zieht. Das Ganze hätte elegant und schön sein können, aber das Ungeheuer bleibt so ästhetisch wie ein Schmiedehammer von Krupp.

Als der Drache verstummt, hebt der Mann die Hand und seine andere Hälfte berührt die ausgestreckten Finger mit der Nase. In dieser Berührung liegt so viel Liebe und Sehnsucht, so viel Trauer und Verzweiflung, dass Nelly die Knie weich wurden. Dieser gutaussehende Mann, dieser Traum vieler Frauen, dieser charmante Soldat ist ein gespaltener Mann. Nelly beobachtet die Szene gerührt. Wer könnte erahnen, was diese Trennung bedeutet …

An dieser Stelle endet der Bericht unserer Assistentin, was auch an der Eifersucht unseres Praktikanten liegen könnte.
Wir werden in Kürze von Nelly den zweiten Teil einfordern, denn Eisenschwinge ist fraglos eines der faszinierendsten Wesen der Schattenwelt.

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Wer sich näher mit ihm befassen möchte, der kann das in der wunderbaren Aetherhertz-Reihe von Anja Bagus, der Grande Dame des Steampunks.
Fortuna-Geschichten aus der Aetherwelt
Besonders möchte die Redaktion aber auch Waldesruh, Anja Bagus neuestes Werk empfehlen.

 

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