Interview

Unsterblichkeit – Fluch oder Segen?

like a stone - blackgerm (www.deviantart.com)

01/red-all

Kann man ewig messen?

Unsterblichkeit ist ein Thema, das im Umgang mit Paranormalen die Normgänger ebenso wie die Schattenwelt stark beschäftigt. Grund genug, dass auch der Schattenwelt-Report hierzu Fragen stellt, die uns alle beschäftigen. Doch wem?

Dank der freundlichen Vermittlung von Hope Cavendish haben sich zwei erfahrene und weitgereiste Mitglieder der Vampirgesellschaft bereit erklärt, uns in der Redaktion des Schattenwelt-Reports zu besuchen.

Natürlich haben wir unseren Konferenzraum vampirmäßig hergerichtet, das Licht gedämpft und frische Blutkonserven geordert.

 Dinner

 Trotzdem waren wir – nicht zuletzt nach unserem nervenaufreibenden Einsatz bei Vampirkönigin Cassandra – ziemlich nervös, als der Besuch von unserer Praktikantin Nelly  hereingeführt wurde.

Doch Giles Montgomery, Viscount Arlington, und Sir Fergus Fitzpatrick gehören Hope zufolge zu jenen Vampiren, die das Jagen nach menschlichem Blut ablehnen, sodass wir  uns einigermaßen sicher fühlen können.

Als die Herren dann hereinkommen, müssen wir einräumen, dass eher wir es sind, die lüstern gucken… Sehr lecker, was sich uns da gegenüber in den bequemen Stühlen Platz  nimmt.

 Giles ist hochgewachsen und muskulös, hat dunkelbraune Haare und ein gerades Gesicht mit gemeißelten Zügen, Adlernase, hohen Jochbeinen, nachtblauen Augen und – laut  Jennifer – verboten langen Wimpern. Und auch sein Begleiter, Fergus Fitzpatrick ist ein Leckerbissen mit braunen Augen, rotbraunem Haar und einem verschmitzten    Gesichtsausdruck

Fergus lächelt uns aufmunternd zu und so beginnen wir nachdem uns eingefallen ist, dass es unhöflich ist, seine Gäste anzustarren, mit der ersten Frage, die wir uns in der Redaktionssitzung überlegt haben (hier gab es anders als bei Königin Cassandra vorher keine Liste „genehm(igt)er Fragen“):

SW-R: Die extreme Langlebigkeit, die viele Schattengängern oder auch „paranormale“ Wesen auszeichnet, übt auf die Normwelt eine enorme Faszination aus. Betroffene sehen das Geschenk der Unsterblichkeit hingegen häufig differenzierter. Uns vom Schattenwelt-Report interessiert heute einmal, wie sich das anfühlt, wenn man nur so durch die Jahrhunderte schlittert.

Empfindet Ihr die Unsterblichkeit eher als Fluch oder als Segen?

Giles: Es kann beides sein. Unendlich viel Zeit zu haben, um sich weiterzubilden, seinen Charakter zu entwickeln, die Welt zu bereisen, richtungsweisende historische Ereignisse mitzuerleben – all das kann ein Privileg sein. Andererseits erlebt man ironischerweise die Vergänglichkeit von allem viel mehr als ein Sterblicher, da man ihr immer wieder begegnet. Elend, Leid und Tod gehören unweigerlich zum Leben dazu – und wenn man ewig lebt, muss man ertragen lernen, dass sich solche Erlebnisse immer wiederholen.

Fergus: (nickt ernst) Wir haben viele Freunde verloren. (dann grinst er und deutet auf Giles)

Allerdings vergisst mein werter Freund zu erwähnen, dass es nicht immer nur seriöse Zeitvertreibe waren, die dazu beitrugen, seinen Charakter zu entwickeln. Wir hatten auch viel Spaß.

Giles: (sieht ihn spöttisch an) Da ich einen der größten Kindsköpfe der Welt zu meinen besten Freunden zählen darf, blieb es wohl nicht aus, dass ich mich zu dem einen oder anderen Schabernack verleiten ließ.

SW-R: Um was für Begebenheiten handelte es sich da denn zum Beispiel?

Giles: (räuspert sich) Nun, beispielsweise war es in der Zeit des Regencys in den britischen Gentlemen’s Clubs sehr angesagt, sich auf ungewöhnliche, teils waghalsige Wetten einzulassen. Es kam durchaus vor, dass der eine oder andere Gentleman bei der Ausübung seiner sportlichen Pflicht sein Leben gelassen hat, wie zum Beispiel der Baronet of Colton bei dem Versuch, einen Lorbeerkranz an der Urne auf dem 202 Fuß hohen Monument-Denkmal anzubringen. Da Fergus und ich diesbezüglich ja weniger gefährdet waren, machten wir bei den Wetten oft einen guten Schnitt.

Fergus: (harmlos tuend) Soweit ich weiß, hat deine „gefährlichste“ Wette aber nicht deine körperliche Versehrtheit bedroht, sondern eher deinen häuslichen Frieden. Es sei denn, Gemma hat dir dafür den Schädel eingeschlagen?

Giles: (sieht ihn warnend an) Das gehört jetzt aber nicht hierher!

SW-R: (den das trotzdem brennend interessiert hätte) Um noch mal auf die Auswirkungen der Unsterblichkeit zurückzukommen: Spürt man das, wie sich Zeiten verabschieden, bestimmte Epochen enden?

Giles: Ja, in vielen Fällen schon. Gemma, Maddy, Miguel und ich haben beispielsweise die Französische Revolution in Paris miterlebt. Jahrhunderte war das Volk durch Adel und Obrigkeit ausgebeutet worden, finanzierte durch seine Abgaben und Steuern den Staat und damit auch den verschwenderischen Lebensstil des Königs und erhielt zum Dank dafür nahezu keinerlei Rechte. Im Vergleich zu dieser langen Phase der Unterdrückung explodierte der Unmut hierüber in einem relativ kurzen Zeitraum, auch wenn es über Jahre hinweg entsprechende Vorboten gab. Die Unruhen gipfelten oft in sehr brutaler Gewalt, die wiederum mit Gegengewalt beantwortet wurde. Jedem von uns war klar, dass dies einschneidende politische und gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen würde.

Fergus: Ungefähr zur gleichen Zeit gab es auch in meinem Heimatland Irland große Unruhen, da meine Landsleute gegen die britische Herrschaft rebellierten. Die Aufstände wurden letztendlich von den Briten niedergeschlagen. Als 1800 der Act of Union beschlossen wurde, der die Königreiche England und Irland verband und uns wieder mehr Rechte und Freiheiten zusicherte, gaben jedoch die meisten der Rebellen auf. Ich hatte mich damals dem eher gemäßigteren Flügel der Society of United Irishmen angeschlossen und begrüßte insofern diese Entwicklung.

Giles: Auch als ich 1795 mit Gemma nach London zurückkehrte, war dort auch an jeder Ecke zu spüren, dass eine neue Epoche angebrochen war. Schließlich waren schon gut 100 Jahre seit unserem letzten Aufenthalt in England vergangen. Unzählige neue Gebäude waren errichtet worden, England war mittlerweile eine große Kolonialmacht geworden, was sich in verschiedenen kulturellen Einflüssen bemerkbar machte. Es gab exotische Früchte, braunen Zucker und Tabak aus der Karibik auf den Märkten, in sogenannten Kaffeehäusern wurde ein neuartiges Gebräu aus gebrannten afrikanischen Bohnen angeboten und anderswo servierte man wiederum Tee, einen bis dato unbekannten aromatischen Aufguss aus getrockneten indischen Blättern. Unser eigener Speiseplan hingegen wurde zunehmend eingeschränkt, da durch die sich ausdehnende Stadt immer mehr Wälder und somit auch Jagdwild verloren gingen.

Fergus: (lächelnd) Wir alle haben schon vor langer Zeit beschlossen, und das Leben zusätzlich schwer zu machen, indem wir auf Menschenblut verzichten und stattdessen Tiere jagen.

Giles: (bedauernd zu Fergus) Leider stehst du uns ja nicht immer als Jagdgefährte zur Verfügung. (erklärend an Kay gewandt) Er kann sich nämlich bei Bedarf in einen Gerfalken verwandeln, und wenn er das Jagdwild schon frühzeitig aus der Luft erspäht, ist dies ungemein hilfreich.

SW-R: Normmenschen beklagen gern die gute alte Zeit. Wann wäre Eure »gute alte Zeit« gewesen? Wo habt Ihr Euch am wohlsten gefühlt? Woran liegt das?

Fergus: (grinsend) Ich fand die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts großartig! Der Minirock war eine der besten Erfindungen der Neuzeit. So viele wundervolle Frauenbeine waren Jahrhunderte lang unter unzähligen Röcken und Unterröcken verborgen geblieben.

Giles: (lacht) Jede Epoche hatte ihre Vor- und Nachteile. Für uns war es von jeher eine Herausforderung, uns an neue Zeiten anzupassen. Die Erfindung der Blutkonserve war für uns beispielsweise sehr praktisch, da sie uns räumlich unabhängiger machte. Ein wenig schwer hingegen tue ich mich allerdings mit der mobilen Kommunikation in unserer Gegenwart. Ich finde es sehr irritierend, immer und überall erreichbar zu sein und empfand das Leben ruhiger, als dies noch nicht möglich war.

Fergus: (gespielt vorwurfsvoll) Ach, darum hast du noch nicht auf meine Freundschaftsanfrage bei facebook reagiert!

Giles: (rollt mit den Augen) Soziale Netzwerke! Manchmal frage ich mich, ob sie für den Untergang der abendländischen Kultur verantwortlich sind.

Fergus: Ich bin da in einer wirklich netten Gestaltwandler-Gruppe …

SW-R: Und nicht nur das. Es gibt Informationen des Schattenwelt-Reports zufolge auch höchst modern eine eigene Homepage für alle „Zeitgenossen“?

SW-R: Nimmt ein Vampir das Leben in einer bestimmten Epoche anders war, als ein normaler „Zeitgenosse“? Was macht den Unterschied aus?

Giles: (überlegt kurz) Der größte Unterschied liegt sicherlich darin, dass Sterbliche nur selten die Gelegenheit haben, mehrere verschiedene Epochen zu erleben und Vergleiche anzustellen – wenn man mal vom schnelllebigen 20. Jahrhundert absieht, als im Grunde nahezu alle 20 Jahre eine neue Epoche anbrach. Insofern spielt es womöglich weniger eine Rolle, ob man nun ein Vampir oder ein Sterblicher ist, sondern eher, wie gut man mit Veränderungen umgehen kann.

Fergus: Stimmt. Ich kenne einige Artgenossen, die sich der Steampunk-Bewegung angeschlossen haben, weil sie die viktorianische Zeit vermissen.

SW-R: Ja, über das Amt für Aetherangelegenheiten wird in dieser Ausgabe auch berichtet. Und wie ist es bei Ihnen beiden?

Fergus: Unseren Freunden und uns war es ja stets wichtig, unser Vampirdasein mit einem Leben in einer Gesellschaft von Sterblichen in Einklang zu bringen. Das geht nur, wenn man gesellschaftliche Veränderungen mit einer gewissen Gelassenheit hinnimmt.

Giles: (nickt schmunzelnd) Aufgrund seiner Unbeschwertheit ist Fergus vermutlich derjenige von uns, der Veränderungen am gelassensten hinnehmen kann.

SW-R: Dann bedanken wir uns ganz herzlich für den Besuch und hoffen, dass wir dieses spannende Thema noch weiter vertiefen können. Z.B. mit einer Podiumsdiskussion zu Ernährungsgewohnheiten in der Schattenwelt.

Für alle, die sich gern noch weiter über Giles und Fergus informieren möchten, können wir Zeitgenossen-Bücher von Hope Cavendish wärmstens empfehlen:

    Hope Cavendish Cover_Band2 Hope Cavendish Cover_KleinsterBlutsauger

Band I: Gemmas Verwandlung  (hier eine Leseprobe)

Band II: Kampf gegen die Sybarites  (auch hierzu eine Leseprobe)

Der kleinste Blutsauger der Welt (Spin-off) eine von Gemma in Band II selbst verfasste Kurzgeschichte

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2 Kommentare zu “Unsterblichkeit – Fluch oder Segen?

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